Wie Du Deine Süchte in den Griff bekommst

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Süchte können Leben zerstören. Heute vor neun Jahren starb meine Mutter an den Folgen von Alkoholismus und den Hintergründen, die dazu geführt haben. Zu dieser Zeit bin ich immer sensibler als den Rest des Jahres. Heuer merke ich es deutlich. Als nun mittlerweile Vater einer kleinen Tochter blicke ich wieder ganz neu darauf.

Obwohl ich dieses Beispiel vor Augen hatte, probierte ich früher genauso, meinen Stress über Substanzen zu lösen. Schon irgendwie eigenartig. Denn auf der einen Seite litt ich über viele Jahre als Angehöriger und dann mache ich selbst diese Erfahrungen zuhauf. Heute weiß ich warum. Jedoch war der Lebenswillen stärker und ich bin froh nun geklärt darauf zurückzublicken und dass ich Dir diese Erfahrungen und mehr dazu auch weitergeben kann und darf.

Die üblichen Süchte

Süchte können gut versteckt sein. Zum Beispiel: Du bist gerade beim Essen und denkst schon an die süße Nachspeise. Kennst Du diese gedankliche Situation? Oder noch besser: Du bist untertags gerade beschäftigt, denkst aber schon an den entspannenden Moment, wenn Du abends Dein Bier oder das Glas Wein zum Mund führst. Du hast ein stetiges Verlangen nach Zucker? Das alles ist in gewisser Weise Suchtverhalten.

Eine (für mich) erschreckende Studie von 2014 zeigt: Nach Gemüse ist Bier das zweitmeist verzehrte ´Lebensmittel´ in Österreich pro Jahr. Und zwar mit 110L pro Kopf und Nase. Ist das nicht erstaunlich? Für mich nicht! Alkohol wirkt. Zumindest im Moment meistens entspannend. Und wenn man 1-2 Gläser pro Tag trinkt, ist man ja noch längst nicht süchtig … so die allgemein verbreitete und beschwichtigende Meinung zur Volksdroge #1, welche viele Leben zerstört und langsam, schleichend bleibende Schäden hinterlässt. Süchte sind meistens von der betroffenen Person nicht klar erkannt. Das Leben wird dann darum herum gebaut. Das ist vor allem für Angehörige (wie damals für mich) eine große Belastung.

Emotionales Essen und Trinken sind mittlerweile weit verbreitet und sicher ein Grund, warum viele Symptome sich erst gar nicht verändern lassen. Dieses fremdgesteuerte Verhalten zwingt uns dazu, immer wieder die selben Fehler zu machen.

Süchte im Visier

Heute ist es ganz leicht, seine subtilen Süchte auszuleben. Es gibt an jeder Ecke einer Stadt dazu die Möglichkeit. Ein Bäcker da, ein Kaffee to go dort. Alkohol im Supermarkt hat eine größere Fläche wie das Bio-Gemüse und schon sind wir mitten drinnen. Die Werbung und das Neuromarketing machen es möglich, dass wir sehr bald im Leben die Kontrolle über Ihre Entscheidungen verlieren. Schon beim Eingang zum Geschäft werden wir mit Substanzen angeblasen, die uns suggerieren sollen, wohin der Weg im Laden geht (Backbox!)

Das kann dann ganz schnell auch dazu führen, dass uns unsere Gesundheit entschwindet.

Aber das weißt Du alles schon und gehst schätzungsweise damit auch recht sorgsam um. Und trotzdem ist irgendwas im Körper nicht in Ordnung, die Stimmung labil, das Immunsystem angeschlagen, die Haut unrein oder die Allergien machen Dir zu schaffen.

Diese Symptome führen wiederum oft dazu, dass eine bestimmte Neigung zu Nahrungsmitteln (z.B. Zucker) entsteht, die nicht immer nur von Vorteil sein können: Du wirst süchtig nach Dingen, die Dir offensichtlich Probleme bereiten. Das kann auch im Verhalten beobachtet werden. Das nennt man dann Muster oder Gewohnheit. Areale der Belohnung werden im Gehirn aktiv, wenn Du nur an die Substanz Ihrer Träume denkst und rate mal, was passiert, wenn Du dieser Leidenschaft auch stetig nachgehst: Du entwickelst eine Abhängigkeit, langsam schleichend. Ob jetzt nach Kaffee, Schokolade, Unmengen an Brot oder Nudeln, Alkohol, … all das machst Du, weil es Dir momentan eine minimale Erleichterung verschafft und ein Gefühl von Wohlbefinden entsteht.

Gewichtszunahme ist eine der bekanntesten und wohl unerwünschtesten Nebenerscheinungen. Der Markt hat reagiert und bringt künstliche Süßstoffe ins Spiel.

Süßstoffe sind falsche Informationsträger in Lebensmitteln. Durch den Geschmack wird Energie vorgespielt, wo im Endeffekt keine vorhanden ist. Das Gehirn wird dadurch verunsichert und deutet dies bei Wiederholung als Nährstoffkrise. Mit dem Erfolg, dass wir noch mehr essen und erst recht zunehmen. So funktioniert es einfach nicht.

Diesen Vorgang hat Dr. med. Achim Peters ganz gut in seinem Buch „Das egoistische Gehirn“ beschrieben. Den Link zu dem Buch findest Du am Ende des Artikels.

Kindliche und transgenerationelle Prägung und Süchte

süchte

Dr. Vincent Felitti steht für den Begriff ACE (adverse childhood experiences). 1 Er berichtet über ungünstige Erfahrungen in der Kindheit und deren Auswirkungen auf das weitere Leben. Durch einen Fragenbogen lässt sich ermitteln, wie hoch der Stress in der Vergangenheit war. Alleine bei 4 von 10 möglichen Punkten erhöht sich das Risiko zur Abhängigkeit nach Substanzen und Medikamenten im Erwachsenenalter um ein Vielfaches.

Dementsprechend wichtig ist es also, früh genug zu beginnen, diese Süchte zu hinterfragen, um nicht bleibende Schäden im Gehirn anzurichten. Für mich war und ist immer noch erstaunlich, was ein menschlicher Körper so alles aushält, bevor er wortwörtlich zu Grunde geht.

Allerdings halte ich nicht viel vom Aushalten als Lebensentwurf, sondern möchte so gut wie möglich in meiner Kraft sein. Ich glaube, auch Dich spricht diese Variante an, oder etwa nicht?

Nichts Neues ist, dass die Vergangenheit unser Sein derart mitgestaltet, dass viele Menschen ihr ganzes Leben damit verbringen, sich mehr schlecht als recht aus den Folgeerscheinungen von Gewalt und Vernachlässigung zu befreien. Diese Versuche äußern sich eben in Süchten und Kompensationen, die einen großen Mangel ausgleichen wollen.

Die Physiologie der Süchte

Was passiert auf der Ebene des limbischen Systems, dem Sitz der Emotionen und des Lernens, nach langfristigem Stress in der Kindheit?

Folgendes Beispiel von Stress:

Wir haben Hunger (echten Hunger, wirklich richtigen Hunger)! Ihr Nervensystem geht auf Alarm. Sympatikus – Kampf und Flucht – sind aktiv. Das macht Sinn, dass wir fokussiert auf Nahrungssuche gehen können. Unsere Stresshormone leiten auch Reaktionen in der sogenannten HPA-Achse ein. Kurz zur Erklärung:

H = Hypothalamus

P = engl. pituary = Hypophyse

A = engl. Adrenal glands = Nebennierenrinde

Wie Du in der Grafik sehen kannst – ein schöner Kreislauf in schwarz. Wenn wir dann erfolgreich in unserer Suche waren, gibt es als Belohnung Serotonin (Wohlfühlen) und GABA (Beruhigung). Alles ist gut.

HPA Achse

Doch stell Dir vor, Du findest nichts zu essen. Und das für einige Tage. Dann werden die Stresshormone ACTH & Cortisol (+) verrücktspielen und hochfahren. Als Resultat bekommst Du aufgrund von natürlichen Blockaden im System (im Stress ist Wohlfühlen nicht Priorität!) wenig bis kein Serotonin (-) mehr präsentiert und auch das so geniale GABA (-) darf nicht mehr ruhend auf die Hormonfabrik Hypothalamus wirken. Du wirst ängstlich, panisch, können keine klaren Entscheidungen mehr treffen. Und zum Schluss – als Ergebnis des Wind Ups und der ständigen Wiederholung – kommt die Fata Morgana. Die Raphekerne und der Hippocampus werden nicht mehr ausreichend aktiviert. Sie verkümmern sozusagen. Beruhigende Teile des Gehirns schrumpfen.

Strukturelle Folgen von chronischem Stress sind:

  • vergrößerte Amygdala -> mehr emotionales Verhalten, da vermehrtes Cortisol ständig diese triggert … das Dauerfeuer führt zur Überreizung!
  • verkleinerter Hippocampus -> schlechte Lernfähigkeit und Merkfähigkeit (nicht nur auf Schule bezogen, sondern auf ständige Fehler, die man auf seine und die Kosten der Mitmenschen macht)

Somit sollten wir uns darüber gewahr sein, was wir selbst tun können, um diese Veränderungen wieder rückgängig zu machen. Wie ein sehr guter Freund und Kollege „I love my Hippocampus!“ (hallo Andi!) sogar auf sein T-Shirt druckte, sollte dies für geprägte Menschen zum Lebensmotto werden. Dieser wächst in ordentlicher Pflege mit artgerechtem Verhalten und ein paar zusätzlichen Tricks.

Wieder mal kommt die Meditation ins Spiel. Mit gelebter Mindfulness konnte nachgewiesen werden, dass die Zellanzahl im Hippocampus bei täglicher, einstündiger Praxis in acht Wochen bis zu 30% zunahm. Beachtlich. Und so einfach.

Das Suchtzentrum namens N. accumbens profitiert davon insofern, als dass die freien Nervenenden nicht mehr so viel feuern müssen. Das Dopamin für das Belohnungszentrum kommt nun von einem ausgeglichenen Lebensstil und eventuell notwendigen, regulatorischen Maßnahmen über Aminosäuren und Mikronährstoffen. Dazu später mehr.

Achtsamkeit und Süchte

Im Zuge der Beobachtung Deiner selbst lernst Du Dich besser kennen. Die Frage ist, wie Du auf Deine störenden Gewohnheiten reagierst, sofern Dir diese überhaupt bewusst sind. So wie immer gilt es, kurz innezuhalten, durchzuatmen und sich selbst diese Fragen zu stellen:

  • Was stört mich an meinem Ess- und Trinkverhalten?
  • Bin ich zufrieden, wie ich mich ernähre?
  • Was möchte ich ändern?
  • Wie würde ich bemerken, dass es mir besser geht?

Und dann lausche den Antworten …

Bitte ganz ehrlich sein.

Unlängst hörte ich eine kleine Geschichte von einer Patientin in der Praxis: Eine ihr bekannte Dame hat mit ca. 65 Jahren und 1,65m ca. 130kg und die Diagnose Diabetes II. Nichts desto trotz sind die Schubladen zuhause gefüllt mit Süßigkeiten und Schokolade. Laufend gibt es einen süßen Snack. Wie kann das sein, dass dieses Muster nicht durchbrochen werden kann?

Trotz genügend Abnehmkonzepten, welche die Menschen in noch größere Krisen treiben und ihnen den Mut nehmen, verzweifeln übergewichtige Menschen regelmäßig und verlieren die Energie, nochmals alles von vorne zu beginnen und einen neuen Versuch zu wagen.

Im nun erwähnten Fallbeispiel kommt dem Gehirn der Frau ein besonderer Stellenwert zu. Dieses wurde über Jahre oder sogar Jahrzehnte darauf getrimmt, dass es Nahrungsknappheit gibt und dieser unbewusste Stress führte dazu, dass immer mehr gegessen wurde. Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf langfristigen Stress. Die einen überessen sich laufend und die anderen werden eher depressiv. Beides mit schädlichen Auswirkungen auf die Lebensqualität.

Stresshormone, wie Cortisol „frieren“ Gehirnzellen wortwörtlich ein. Gleichzeitig ist ein ausgeglichener Cortisolspiegel Teil des Netzwerks für einen gesunden Körper und ein gesundes Gehirn. Je nach Level kann das zu Überaktivität oder depressivem Verhalten führen. Wenn diese Zustände lange anhalten, wird meist ein Ersatzverhalten eingeführt. Du weißt schon, dass Alkohol und Essen ganz oben auf der Liste stehen.

Cortisol muss auch immer wieder für einen ausgeglichenen Blutzuckerspiegel sorgen. Das heißt: Viel und zuckerreich (auch Brot, Nudeln, Müsli & Co.) zu essen macht Stress im Körper. Erinnere Dich an die Grafik von oben. Und das emotionale Gedächtnis springt an. Mit einer Orientierung zur Paleo-Ernährung hast Du dieses Problem nicht.

Mit Mind-Mapping die Süchte auflösen

Dr. Marty Hinz ist ein amerikanischer Arzt und Physiologe, der viele Jahre damit verbrachte, die Mysterien des Geistes zu studieren und zu erforschen. Er hat Wege gefunden, wie er mittels Gaben von bestimmten Aminosäuren das Gehirn wieder zum Funktionieren bringt und Balance zwischen den Neurotransmittern Serotonin und Dopamin erzeugt. Das ging sogar soweit, dass er Menschen mit der Erkrankung M. Parkinson durch nicht-medikamentöse Therapien maximale Verbesserung der Symptome verschaffte. 2

Wie geht das?

Dazu ist es notwendig, die Wirkmechanismen von Serotonin und Dopamin zu kennen. Dazu sind kleinste Eiweißbausteine (Aminosäuren) die Grundlage. Ebenso das ist die Präsenz von den gebrauchten Co-Faktoren (Mikronährstoffe wie B6, B12 … ) essentiell. Für besseres Verständnis: Hier ein kleiner Auszug zur Bildung von Neurotransmittern anhand der Grafik.

seratonin dopamin suchte

Vitamine des B-Komplexes, Magnesium, Zink, Vitamin C und Eisen sind also für die Herstellung von Neurotransmittern notwendig. Wenn z.B. viel Stress im Körper ist, wird viel Noradrenalin und Adrenalin gebildet. Das heißt auch, dass viel B6, B12, Folsäure, Vitamin C, Eisen und SAMe gebraucht wird.

Werden diese Mikronährstoffe nicht ausreichend mit der Nahrung zugeführt, entsteht ein Mangel und die Stressantworten sind unzureichend. Dieser Mangel wirkt sich auch auf die Bildung von Serotonin aus, betrifft also immer beide Achsen. Wohlfühlen ist im Stress eher schwer. Hier also die Erklärung dazu. Im Stress soll erst recht auf ausreichende Nährstoffversorgung geachtet werden – doch gerade da ist es ja so schwer, bewusst zu bleiben.

Fazit und Tipps bei Süchten

Somit kannst Du Dir merken:

  • Hochqualitatives Eiweiß ist wichtig, und das nicht zu knapp. In harten Zeiten brauchst Du höchstwahrscheinlich mehr davon als üblich. Doch anhand meiner Erfahrungen essen die Menschen immer weniger (vegetarisch, vegan) und orientieren sich an Getreide und Fast Food. Die Folgen sind ersichtlich.
  • Noch spezifischer wird es mit der Gabe von einzelnen Aminosäuren wie Tyrosin, L-Dopa oder 5-HT. Diese üben einen bestimmten Reiz auf die jeweiligen Systeme aus und sorgen recht schnell bei richtiger Dosierung und unter fachlicher Anleitung zu Wohlbefinden ganz ohne Medikamente und Nebenwirkungen. Die Speicher können sich wieder füllen und das Gehirn arbeitet wieder natürlicher.
  • Für ausreichend Mikronährstoffe mag gesorgt sein. Da diese nicht mehr selbstverständlich in den Böden unserer Landwirte hausen und das Futter für die Tiere, welche für uns gezüchtet werden, nicht gerade artgerecht ist, kommt es zu großen Verschiebungen. Mangelerscheinung auf dieser Ebene bedeutet langfristig Krankheit. Vorbeugen zahlt sich aus. Bei Stress brauchst Du adäquate Dosen von qualitativen Vitaminen & Co. Ein Zu-wenig führt zu unnötigen Kosten und Frust. Auch hier macht die fachliche Beratung Sinn.
  • Natürlich sind psychologische und körperorientierte Interventionen ebenso ein Baustein auf dem Weg zu Erfolg. Diese beruhigen ungemein und unterstützen den positiven Verlauf. In diesem Artikel möchte ich dennoch absichtlich die physiologische Komponente von Süchten und die Möglichkeiten der Regulation derer hervorheben.

Dass Bewegung zum Menschen gehört möchte ich diesmal nicht erwähnen. Dazu kennst Du mich schon zu gut. Ok, ich sag´s trotzdem: Bewege Dich regelmäßig und mit Spaß!

Zum Abschluss: Ich vermisse meine Mutter immer noch! So schwer es auch war. Nun bin ich dankbar für die schöne Zeit, die ich mit ihr hatte, die lustigen Momente und vor allem: Durch sie die Möglichkeit zum Leben bekommen zu haben. Danke Mama!

Das egoistische Gehirn: W ...von Achim Petersmehr Details
Nüchtern: Über das Trin ...von Daniel Schreibermehr Details

  1. Felitti, Vincent J. “The relationship of adverse childhood experiences to adult health: Turning gold into lead/Belastungen in der Kindheit und Gesundheit im Erwachsenenalter: die Verwandlung von Gold in Blei.” Zeitschrift für psychosomatische Medizin und Psychotherapie 48.4 (2002): 359-369.
  2.  Hinz, Marty, Alvin Stein, and Thomas Uncini. “Amino acid management of Parkinson’s disease: a case study.” Int J Gen Med 4.165.10 (2011): 2147.
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Michael
Michael

kam über die Physiotherapie zur klinischen Psycho-Neuro-Immunologie. Die eigene Geschichte veranlasste ihn, immer tieferes Verständnis über Geist, Emotion und Nahrung zu erleben und danach herzoffen weiterzugeben. Als "GEN-Schalter" schreibt und inspiriert er hier und öffentlich, um Mut für gesunden Erfolg und selbstbestimmte Freiheit zu machen.