Hands on: Schilddrüsenfunktion

Schilddrüse
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In meinem Praxisalltag begegnen mir immer wieder Menschen mit Schilddrüsenproblemen. Gehäuft sind dies Frauen. Vorwiegend gibt es Unterfunktionen der Schilddrüse (SD) und auch Autoimmunerkrankungen namens Hashimoto.

Diese häufen sich in der Gesellschaft zunehmend. Die beschriebenen Störungen im Organismus werden zumeist mit Medikamenten behandelt, welche T4 beinhalten, u.a. eine Vorstufe des aktiven T3, welches seine Funktionen als Schilddrüsenhormon an den Zielzellen ausübt. Oft merken die Personen vorher wie nachher keinen Unterschied, der Befund kam zufällig bei der Gesundenuntersuchung, weil das standardisiert gemessene TSH erhöht war.

Warum der TSH-Wert alleine keine Aussagekraft hat:

“Die Funktion der Schilddrüse wird meistens anhand des TSH-Wertes beurteilt und viele Ärzte verschreiben allein aufgrund dieses Wertes  Medikamente – oder auch keine. Ist er hoch, gehen die meisten Ärzte davon aus, dass die Hypophyse zusätzlich Hormone bildet, da die Schilddrüse nicht richtig arbeitet. Ihre Lösung? Die medikamentöse Erhöhung der Schilddrüsenwerte. Doch an diesem Wechselspiel sind noch viele andere Faktoren beteiligt. Aus der alleinigen Bestimmung von TSH lässt sich nicht ableiten, wie die Hypophyse (Hirnanhangdrüse, welche TSH ausschüttet, – Anm.d.V.) funktioniert, ob die Schilddrüsenhormone im Körper stoffwechselaktiv sind oder ob eine Autoimmunstörung vorliegt.”
Datis Kharrazian (DC, DHS, MS, MNeuroSci), USA

Was sind also diese anderen Faktoren?

Dazu ist es kurz notwendig einen kleinen Ausflug in Richtung Stoffwechsel der Schilddrüse zu machen. Anhand der Grafik aus dem Buch von Dr. Kharrazian lässt sich dies gut veranschaulichen. Es wird klar, dass die Umwandlung in aktives Schilddrüsenhormon von folgenden Organsystemen abhängig ist, wo inaktives T4 in aktives T3 verstoffwechselt wird, welches der Körper am effektivsten nutzen kann:

    • die Schilddrüse selber schüttet nur wenig T3 (7%) aus, vermehrt wird T4 produziert (93%)
    • in der Leber werden ca. 60%
    • und im Darm ca. 20% umgewandelt

das restliche T4 wird in anderen Geweben umgewandelt (Herz, Muskeln, Nerven …)

Weg von der Schilddrüse

Somit wird schon ein wenig klarer, dass Leber und Darm einen hohen Stellenwert haben, wenn es um die Gesundheit der Schilddrüse geht. Falsche Ernährung, mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten (v.a. aus Getreide und Zucker), wenig Bewegung und Stress führen dazu, dass diese wichtigen Organsysteme ihre offiziellen Dienste verweigern. Leidtragend bei einem ´unmenschlichen´ Lebensstil sind auch die Nebennieren, welche Cortisol produzieren und über lang anhaltenden Stress ihre Funktion verändern (diese Prägung kann übrigens schon aus unserer Kindheit kommen).

Das wiederum setzt die Produktion von aktivem Schilddrüsenhormon herab, da durch Stresshormone wechselwirkend in den Metabolismus der Schilddrüse eingegriffen wird. Frauen reagieren hier übrigens von ihrem Organismus sensibler als Männer. Chronischer Stress wiederum kann den Darm schädigen, der sich dann an der Oberfläche verändert und durchlässig wird, was zum sogenannten Leaky Gut Syndrom führt. Es können unverdaute Nahrungsbestandteile durch die Barriere ins Blut und lösen eine Immunreaktion aus. Nahrungsmittelintoleranzen entstehen und der Teufelskreis beginnt, da dadurch wieder Stress ausgelöst wird. Eine ganzheitliche, individuelle Betrachtung ist unerlässlich.

Wenn also eine Schilddrüsenerkrankung festgestellt wird, ist es von großer Bedeutung, auch diese übergreifenden Faktoren in die Diagnose miteinzubeziehen, da so am ehesten die Ursache behoben werden kann. Bei Unterfunktionen der Schilddrüse handelt es sich meistens um sekundäre Erkrankungen, welche sich als Folgeerscheinung gestörter primärer Organsysteme (eben Leber, Darm, Nebenniere u.a.) offenbart.

Die Gesundheit der Leber hat dadurch viel mehr Aufmerksamkeit nötig und lässt sich gut in ihren einzelnen Phasen therapieren und sanieren. Eine gestörte Leberfunktion führt u.a. zu Östrogenüberschuss im Blut. Östrogen ist nun übermäßig in einer toxischen Form verfügbar und verhindert die Umwandlung zu T3 und gleichzeitig kann das überbleibende aktive T3 nicht in die Zellen, da es durch eine zu starke Bildung von TBG gehemmt wird. Das betrifft Frauen wie Männer, auch wenn Östrogen eher der femininen Seite zugeordnet wird. Folgeerscheinungen wie Hautprobleme, PMS, Libidoverlust, Eierstockzysten (PCOS), Prostatavergrößerungen, Brustkrebs u.v.m. können die Folge sein.

Ebenso verhält es sich mit dem Darm. Eine gestörte Bakterienflora z.B. aufgrund von wiederholendem Antibiotikagebrauch, durch Medikamente (auch Pille) und Stress kann also dazu führen, dass die wichtigen Hormone der Schilddrüse durch Stoffwechselprodukte der schädlichen Bakterien in ihrer Funktion gehemmt sind. Entzündungen an der Oberfläche sorgen dafür, dass wichtige Vitamine und Mineralien (z.B. Selen, Zink sind essentielle Co-Faktoren im Schilddrüsenstoffwechsel) nicht in den Körper aufgenommen, sondern ausgeschieden werden. Der Darm rückt in den Mittelpunkt des Interesses, da es Grundvoraussetzung ist, die Nahrung zu verwerten. Die Schilddrüse dankt einem funktionierendem Darm mit Funktion. Keine gesunde Schilddrüse ohne einem gesunden Darm!

Der Blutzuckerspiegel, synthetische Hormone (Pille, Spirale, Hormonersatztherapien), autoimmune Prozesse (chronische Überaktivität des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen, z.B. Hashimoto) wie auch anhaltende Entzündungen (low grade inflammations) und Dysbalancen im Immunsystem zwischen Th1 und Th2 (zelluläres wie humorales Abwehrsystem – siehe Grafik) wirken ebenfalls negativ auf die Funktion der Schilddrüse. Ein wahrlich komplexes Bild tut sich auf, welches klar und deutlich offenlegt, dass Symptombekämpfung im Falle der vielschichtigen Erscheinungsbilder von Erkrankungen der Schilddrüse nicht von Vorteil ist und die ursächlichen Hintergründe außer Acht lässt. Diese werden jedenfalls durch Gabe von Medikamenten, wie den T4 Präparaten nicht unbedingt geheilt, sondern können weiter in ihrer Pathologie bleiben, sich dementsprechend verändern und andere Folgesymptome durch Verschiebung hervorbringen.

Eine Hashimoto-Thyreoiditis braucht je nach Stadium parallel immer eine Behandlung des Immunsystems, die Kreuzreaktionen z.B. mit Nahrungsmittel (in diesem Fall besonders Gluten, einem Getreideeiweiß) sind wissenschaftlich dokumentiert (HIER eine der vielen Studien) und validiert und müssen unterbunden werden, wenn das Immunsystem und somit der Angriff auf die Schilddrüse und die Transportproteine der Hormone ein Ende nehmen soll. Wieder kommen Leber und Darm ins Spiel, welche bei diesem Krankheitsbild meistens auch ein funktionelles und/oder strukturelles Problem haben. Erst durch eine ausführliche Anamnese lassen sich die Faktoren erheben, welche hypothetisch darauf schließen lassen, warum sich der Körper überhaupt gegen sich selber richtet und die gesamte Geschichte miteinbezieht. Neuzeitiger, chronischer Stress bildet meistens das Fundament der Krankheit.

Energiestoffwechsel und Schilddrüse

Nicht zu vergessen ist die Funktion von aktivem T3 (fT3) an den vielen Zellen in unserem Körper: durch Bindestellen u.a. an den Mitochondrien, den Zellkraftwerken jeder einzelnen Zelle, wird diese bakterienähnliche Zellstruktur befähigt, ATP zu synthetisieren, was pure Zellenergie als Ergebnis bedeutet und der offizielle Treibstoff für viele Prozesse im Körper ist. Die Körperkerntemperatur wird ebenso durch die Schilddrüse gesteuert. Es leitet sich die logische Folge von kalten Händen und Füßen ab, wenn es vom Gehirn einen Befehl aufgrund einer eingeschränkten Schildrüsenfunktion gibt: es hat dann Priorität, die lebensnotwendigen Organe mit Wärme zu schützen und die Körperenden zu vernachlässigen. Ganz einfach.

Schilddrüsenunterfunktio ...von Datis Kharrazianmehr Details

Überleben hat mehr Wert als der ein oder andere Finger und als Draufgabe wird auch noch die Körpertemperatur herabgeregelt, was dazu führt, dass viele Enzyme im Körper nicht ihre volle Wirkung entfalten können (optimal wäre 37°C). Deswegen ist auch konstante Bewegung und Muskelaufbau so wichtig. Durch die Wärmeproduktion in den Muskeln (auch ein Drüsenorgan) wird dieses Gleichgewicht gefördert. Das in den Muskeln gespeicherte Eiweiß nützt wiederum die Schilddrüse, um zu messen, wie viel Energie vorhanden ist, und ob überhaupt bewegt werden darf.

Daraus leitet sich ab: wenn ein Eiweißmangel besteht, kann es zu Ermüdungserscheinungen kommen, was zusätzlich zu Bewegungsarmut und Muskelabbau führt. Die Schilddrüse kann ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Wieder einer der hinterhältigen Teufelskreisläufe, da dann auch durch fehlendes Eiweiß viele andere Transportproteine ihre Aufgabe nicht erfüllen können und es zu vielfältigen Mangelerscheinungen von Mikronährstoffen (Vitamine, Mineralien, Spurenelemente) kommen kann.

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Zusammenfassung

Das Thema Schilddrüsengesundheit betrifft mittlerweile ca. jede fünfte Frau. Die Therapieansätze erfahren vor allem in den USA schon länger ganzheitlich und nachhaltig erfolgreiche Umstrukturierungen. In unseren Breitengraden ist diese Information noch nicht vollständig in die Medizin integriert, ein Umdenken passiert aber bereits.
Um eine effiziente Diagnostik verschiedenartigster Beschwerden zu garantieren, braucht es eine ausführliche Erhebung und ebenso die Bestimmung von aussagekräftigen Laborwerten durch den Facharzt bei therapieresistenten Symptomen. Die wichtigsten Werte für die Schilddrüse sind

  • TSH, fT3, fT4, rT3 (reverse T3), gesamt T3, T4, T3-Uptake, freier Thyroxin-Index (FTI)
  • Antikörper: TPO-AK, TG-AK, TRAK (Ausschluss von Hashimoto, M. Basedow)
  • Antikörper gg. Gluten, Gliadin (Zöliakie)
  • Omega 6 : Omega 3 Ratio, Omega 3 Index
  • Vitamin D 25-OH
  • nüchtern Glukose, Insulin, HbA1c
  • CRP (Entzündungswert)
  • Leberwerte
  • Hormonstatus
  • ASI – Adrenal Stress Index, Nebennierenfunktion (Cortisol Tagesprofil im Speichel)
  • Mikronährstoffe im Vollblut (Selen, Zink, Magnesium, …)
Hashimoto im Griff: Endli ...von Izabella Wentzmehr Details

Wie schon beschrieben, sind Schilddrüsenprobleme meist sekundär, d.h. andere Organsysteme üben schon lange im Vorfeld ihre Funktion nicht mehr optimal aus. Das ergibt sich aus einem nicht adäquaten Lebensstil mit zu viel oder zu wenig Bewegung, der falschen Ernährung und chronischem Stress, welcher die Ursache oft schon weit früher hat, als vermutet wird und nicht nur im Jetzt zu finden ist. Sehr selten ist ein genetisches Problem die Ursache.

Faktoren, wie dem hormonellen Gleichgewicht, der guten Funktion der Nebennieren und insbesondere Leber und Darm sollten viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, da die Symptome meist in diesen Bereichen ihre Ursache haben.

Ausreichende Versorgung mit Sonnenlicht ( Vitamin D | 2013 Update, U.Gröber, PDF) ist u.a. die Voraussetzung für eine balancierte Funktion unseres Immunsystems.

Eine Ernährungsform mit zu vielen Kohlenhydraten (v.a. aus Getreide und Zucker) und eingeschränkter Bewegung kann zu Insulinresistenz führen, welche den Hormonstoffwechsel verändert, die Zuckeraufnahme in die Zellen unterbindet und die Ansammlung von Körperfett begünstigt. Entzündungen (low grade inflammations) sind die Folge. Das Immunsystem muss mehr arbeiten, die Gesundheit verändert sich und all dies behindert die Funktion der Schilddrüse.

Das Stresssystem soll wieder seine ursprüngliche Funktion erinnert werden und darf nicht überaktiv sein, da die Zellen bei erhöhtem Cortisol-Spiegel Resistenz gegen Schilddrüsenhormon werden. Um Gesundheit und natürlich Schilddrüsenfunktion erhalten und fördern zu können, bildet dieser Bereich vielleicht sogar die Basis im neu definierten Therapieansatz.

Nimm also Deine Gesundheit wieder selbst in die Hand!

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Michael
Michael

kam über die Physiotherapie zur klinischen Psycho-Neuro-Immunologie. Die eigene Geschichte veranlasste ihn, immer tieferes Verständnis über Geist, Emotion und Nahrung zu erleben und herzoffen weiterzugeben. Als "GEN-Schalter" schreibt und inspiriert er u.a. auf dieser Seite für ein besseres Verständnis von gesundem Erfolg.