Glutenfrei ist nur die halbe Miete

Glutenfrei - Hype oder sinnvoll
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Ein Mittagsgericht oder das Brot. Glutenfrei. Du hast es sicher schon probiert. Nein? Dann wird es Zeit darüber nachzudenken. Nicht, ob Du auch auf den Zug aufspringen willst, sondern was die Vor- und Nachteile eines glutenfreien Lebens sind. Hier möchte ich Dir die Zusammenhänge in Kürze näherbringen und Illusionen aufdecken, falls es noch ein wenig Hilfe bei der Entscheidung benötigt.

Wann glutenfrei Sinn macht

Grundsätzlich unterschieden wird heute zwischen einer Glutensensitivität/-intoleranz und dem bekannten Krankheitsbild der Zöliakie. Letztere muss klar ausgetestet werden, denn für betroffene Menschen gilt dann striktes Glutenverbot. Wenn dieses nicht eingehalten wird, können weitere Autoimmunerkrankungen entstehen und das Immunsystem wird weiter geschwächt und belastet.

Beim Thema Glutensensitivität/-intoleranz (Nicht-Zöliakie-Glutensensivität) ist es nicht so einfach. Die Symptome sind nicht ausschließlich auf den Darm begrenzt und zeigen sich gerne wie folgt

  • Blähungen
  • Durchfälle
  • Verstopfung
  • Gelenksschmerzen
  • Stimmungsschwankungen
  • Schlafprobleme
  • Depression
  • Angst und Panikattacken
  • Schilddrüsenprobleme
  • Brainfog (Wie Nebel vor den Augen)

Die Liste kann noch weitergeführt werden, doch es ist wahrlich schwer, diese Symptome dem Verzehr von glutenhältigem Getreide zuzuordnen, da sie auch verzögert eintreten und der Zusammenhang somit nicht klar für die betroffene Person ersichtlich ist.

Sinnvolle Laborwerte in diesem Fall wären

  • Antikörper gegen Gewebstransglutaminase (tTG) IgA & IgG
  • Antikörper gegen deamidierte Gliadinpeptide (DGP) IgG
  • Antikörper gegen Endomysium (EMA) IgA

Wie Du vielleicht schon mitbekommen hast ist Gluten mit dem Buchstaben “A” in der Allergenverordnung an erster Stelle gereiht, wenn Du in einem Restaurant in die Speisekarte blickst. Also irgendwas hat es damit auf sich. Viele Menschen spüren von selbst, dass ihnen das tägliche Brot nicht nur gut tut, auch wenn es sich um das angeblich wertvollere Vollkorn handelt. Manche machen den Umweg über verschiedene Erkrankungen und kommen dann dazu, dass ihnen ein Arzt oder Ernährungsberater empfiehlt, glutenhältige Getreide zu vermeiden und den Effekt nachzuspüren.

Ist es Gluten oder das Getreide?

Hier komme ich zu einem entscheidenden Punkt. Getreide wie Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel, Kamut, Einkorn bestehen aus mehr als nur Gluten oder deren Verwandten. Diese Pflanzen besitzen sogenannte Fressfeinde, welche evolutionär sinnvoll sind, wenn man als kleine, zahnlose Pflanze ohne Stacheln oder ähnlichen Abwehrmechanismen überleben will.

Diese Antinährstoffe geben dem potentiellen Feind nicht nur freiwillig Nährstoffe, sondern binden diese im Verdauungstrakt und  werden dann ausgeschieden ohne jemals ins Blut ge-stoffwechselt zu haben. So können zum Beispiel bei regelmäßigem Getreideverzehr die Speicher für Kalzium, Magnesium, Zink und Vitamin D geleert werden. 1 Die Frage ist, ob Du das willst?

Weiters aktivieren sogenannte Lektine aus dem Getreide das Immunsystem auf der Darmoberfläche und verursachen Entzündungen. 2 Der Darm bildet die erste Barriere des Immunsystems und darf in seiner Durchlässigkeit nicht langfristig gestört werden. Lies mehr zum Thema Darmgesundheit.

Bis vor ca. 10.000 Jahren (Beginn von Landwirtschaft und Ackerbau) wurden lange nicht so große Mengen an Getreide wie heute verzehrt. Das hat neben der Ernährung der ständig wachsenden Weltbevölkerung auch zur Folge, dass in den menschlichen Körpern viel mehr Insulin und Glukose im Umlauf ist. Warum? Weil die Kohlenhydrate aus Getreide im Endeffekt auch nicht mehr als Zucker bedeuten. Und damit muss eine Gesellschaft erst mal umgehen können.

Das macht sie auch: Es zeigen sich Symptome, wie Übergewicht, das metabolische Syndrom und Versionen von Diabetes, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass das Bewegungsverhalten des modernen Menschen sich erheblich von früher unterscheidet.

Eine Hinwendung zu einem bewegten Lebensstil mit Orientierung zu artgerechter Kost kann Teils Wunder bewirken, was Körpergewicht und Wohlbefinden betrifft. 3

Sogenannte Gliadorphine machen Dich unbewusst abhängig von Getreide. Diese Proteine docken an Suchtzentren an, wo auch Drogen ihre Wirkung zeigen. Das ist ein spannendes Gebiet, wenn Getreide auch opioid-ähnliche Wirkung haben kann. 4

Also nicht nur Gluten kann potentiell krank machen, sondern auch andere Komponenten im Getreide können Chaos verursachen. Das wäre somit erklärt finde ich.

Der glutenfreie Markt

Die Gründe der meisten Menschen für eine glutenfreie Ernährung sind in folgender Reihe aufgelistet

  • Darmgesundheit 
  • Qualität der Nahrung verbessern
  • Gewichtsverlust
  • Verbesserung des Hautbildes
  • Erleichterung von Gelenksbeschwerden
  • Verbesserung der mentalen Leistung
  • Abbau von Stress
  • Erleichterung der Depression
  • Asthma, Allergien
  • Zöliakie

Wie Du sehen kannst, betrifft es mehr als nur die Verdauung. Die Menschen erfahren Mehrwert in vielen Lebensbereichen, wenn auf glutenhältiges Getreide verzichtet wird.

Der Markt in Amerika 2013 an glutenfreien Produkten betrug 10,5 Milliarden Dollar. Er wuchs von 2011-2013 um sagenhafte 44%. Brot, Kekse und Snacks sind die meistverkauften Produkte mit 2,5 Milliarden Dollar. In nur einem Jahr (Juli 2012 – Juli 2013) kamen 1516 neue, glutenfreie Produkte ins Leben. Du kannst Dir ausrechnen, wie viele bis heute dazugekommen sind.

Im Alter von 18-24 Jahren essen 1 von 4 Befragten einer großen Studie glutenfrei. Nur 27% geben an, dass es sie beim Gewichtsverlust unterstützt.

Und da setzen meine Bedenken an:

Glutenfreie Produkte enthalten meist Mais, Reis, Stärke, Glukosesirup und andere Ersatzstoffe. Dies garantiert zwar das Ausschließen von Gluten, doch nicht die Wirkungen dieser Substanzen auf den menschlichen Organismus inklusive der Wirkung auf den Insulin- und Zuckerhaushalt.

Und eines der größten Ernährungsprobleme heute ist es, dass zu viele Kohlenhydrate den Speiseplan bestimmen – ob nun glutenhältig oder nicht. Wenn verstanden wird, dass die Spezies Mensch im Wohlstand nicht unbedingt gut mit langfristig erhöhtem Zucker im Blut umgehen kann, darf auch der glutenfreie Markt kritisch hinterfragt werden. Wir wissen auch, dass Tumore Zucker lieben. Und dass Zucker sauer macht.

Und da wären doch noch einige, andere Allergene, welche vor allem bei einem nicht-intakten Verdauungssystem Schwierigkeiten machen können. Denke beim Kauf über den Tellerrand hinaus und tausche nicht einfach das eine gegen das andere Brot in der Früh …

Literaturempfehlungen

Die Klinik der Gluteninto ...von Vilmos Fuxmehr Details
Dumm wie Brot: Wie Weizen ...von Dr. David Perlmuttermehr Details
Weizenwampe: Warum Weizen ...von Dr. med. William Davismehr Details
Das Getreide - Zweischnei ...von Loren Cordainmehr Details

  1.  Nijeboer, Petula, et al. “Non-celiac gluten sensitivity. Is it in the gluten or the grain.” J Gastrointestin Liver Dis 22.4 (2013): 435-40.
  2.  Ruiz-Núñez, Begoña, et al. “Lifestyle and nutritional imbalances associated with Western diseases: causes and consequences of chronic systemic low-grade inflammation in an evolutionary context.” The Journal of nutritional biochemistry24.7 (2013): 1183-1201.
  3.  Stelmach-Mardas, Marta, et al. “Successful maintenance of body weight reduction after individualized dietary counseling in obese subjects.” Scientific reports 4 (2014).
  4.  Teschemacher, H. “Opioid receptor ligands derived from food proteins.” Current pharmaceutical design 9.16 (2003): 1331-1344.
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Michael
Michael

kam über die Physiotherapie zur klinischen Psycho-Neuro-Immunologie. Die eigene Geschichte veranlasste ihn, immer tieferes Verständnis über Geist, Emotion und Nahrung zu erleben und danach herzoffen weiterzugeben. Als "GEN-Schalter" schreibt und inspiriert er hier und öffentlich, um Mut für gesunden Erfolg und selbstbestimmte Freiheit zu machen.